Vernatschliebhaber und HeimatSchützen: Vorsicht!

29. Mai 2010

Der Vernatsch in seinen Ausformungen Kalterersee und Magdalener Wein (die anderen Typen sind wohl ausgestorben, leider) gilt zusammen mit einem Stück Speck und Schüttelbrot eigentlich als Ausdruck der deutsch-südtiroler Geselligkeit. Ein Glas dunkler, herber Lagrein eignet sich halt doch oft nur besser zum festhalten als zum trinken in freudiger Runde. Es mag daher vielleicht verwundern, daß noch in der Tiroler Landesordnung von 1574 unterschieden wird zwischen welsch wimmat und teutsch wimmat (5. Buch, XXIX): “..Nachdem in diser unser fürstlichen Graffchaftt Tirol/ gemainiglich am Eisack/ unnd an der Etsch/ auch an etlichen anndern orten/ im Jar der Wymmat zway sein/ als Gschlafen das man nennt Wälsch/ das ee zeitig wirdt/ unddt das Recht Wymmat/das man nennet Lagreyn/oder Teutsch/das später zeitig wirdt..”

In diesem Zusammenhang kann man Michael Gaismair, wenn er in seiner Landesordnung 1526 vorgab, in der Ebene roten Lagrein anzubauen, getrost teutsche Gesinnung unterstellen.

Verständlich wird dabei auch, was 1320 der Abt von St. Ulrich und Afra in Augsburg vom Grafen von Tirol für ein anniversarium zugesichert bekam: jährlich zollfreien Transport von 10 karradae vini Latini de civitate Bozana in civitatem Augsburg (Regesta Boica 6, S.18, nach: R. Sprandel, Von Malvasia bis Kötzschenbroda,S. 28 u 146)

Helmuth Scartezzini (Geschichtliches zur Rebsorte Lagrein, in: Lagrein Tag 2003) zitiert L. Oberrauch (54. Bozner Weinkostkatalog, 1976) und berichtet von einer Urkunde aus dem Jahre 1293  wo in “ortum gries” ein Hof “de bono vino theutonico et non latino” zinsen muß. Er vermutet hinter dem vino theutonico weißen Lagrein. Allerdings zitiert er die Tiroler Landesordnung von 1532, wo vom Teutsch oder Lagreinwimmat  die Rede ist, das eher zeitig wird als das Welsch- oder Geschlafnwimmat. Luis Oberrauch hingegen zitiert eine 1606 gedruckte Landesordnung mit diesem Inhalt. Beide also genau umgekehrt wie in (der nachgeprüften) Version der Landesordnung von 1574. Inwieweit die Reihenfolge überhaupt wichtig ist, bin ich mir allerdings nicht sicher. Die Hauptaussage ist wohl vino theutonico = weißer Lagrein (und nicht roter, nach den Untersuchungen von R. Zwerger) und vinum latinum = Gschlafene (Vernatsch).

Die nächste Frage drängt sich auf: warum vino theutonico? Wegen der Anbauform? oder weil die Rebsorte von (den bayrischen Klöstern?) vom Norden nach Tirol gebracht wurde?

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